„Mauer-Marketing” unter Erich Honecker

Schwierigkeiten der DDR bei der technischen Modernisierung, der volkswirtschaftlichen Kalkulation und der politischen Akzeptanz der Berliner „Staatsgrenze„ von 1971-1990

Wolfgang Rathje, Bd. 1 - Text, 995 Seiten, Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Kiel 2001, Preis: 249,90 €.

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Mauer-Marketing unter Erich Honecker

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Erich Honecker

Porträt Erich Honecker

Porträt Erich Honecker. Gesehen im Dienst­zim­mer des die Stasi-Sonderhaftanstalt Bautzen II leitenden Stasi-Offiziers. Foto: Ralf Gründer, 2002

Leseprobe

4.6 Fazit - Es bleibt festzuhalten, daß trotz des umfangreichen Ausbaus der Grenzsicherungsanlagen [1656] der personellen Grenzsicherung einschließlich des möglichen Einsatzes der Schußwaffe nach wie vor große Bedeutung zukam. Am klarsten formulierte dies der ehemalige Bundesminister Egon Bahr:
„Ich habe mir schrecklichen Ärger eingehandelt - irgendwann in den 60er oder frühen 70er Jahren - als ich gesagt habe, wenn die den Schießbefehl förmlich aufheben, dann sind am nächsten Morgen die Leitern in Ostberlin ausverkauft, weil damit nämlich gesagt wird, du kannst risikolos über die Mauer steigen und dann ist die Auswanderung von Menschen, der Fluß von Menschen, der verstopft ist durch den Mauerbau und dieses schreckliche Grenzregime, wieder da. Und dann läuft der Staat aus und - wer will das schon - einen Staat ohne Bürger oder jedenfalls mit einem hohen Verlust an Bürgern.” [1657]
Eng verknüpft damit ist die Frage, inwiefern die Regierung der DDR selbst über die Ausgestaltung der Grenzsicherung entscheiden konnte. Diese Frage wird von den Beteiligten und in der For­schungs­li­te­ra­tur nach wie vor kontrovers diskutiert. An dieser Stelle sollen stellvertretend für die unterschiedlichen Ansichten zwei Stellungnahmen aufgeführt werden:
„Wenn wir auch nur eine Sekunde geglaubt hätten, sie sei da souverän, hätten die Verhandlungen mit der Forderung beginnen müssen, die Lage an der Grenze zu normalisieren oder den ’Schießbefehl‘ aufzuheben. Niemand, auch nicht die Opposition, hat das verlangt, weil jeder die Wirklichkeit kannte. Der Vorwurf der Justiz in dem Prozeß gegen Mitglieder des Politbüros fünf Jahre nach der Einheit, sie hätten das billigend in Kauf genommen, ging an der Wirklichkeit vorbei:
„Die DDR war nicht so souver<n, wie sie sich nannte” [1658], so Egon Bahr in seinem Buch „Zu meiner Zeit”.
Ein Beleg für eine gewisse Eigenständigkeit der DDR ist eine Aussage von Valentin Falin [1659], der im Prozeß gegen den ehemaligen Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Keßler, den ehemaligen stellvertretenden Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Streletz und das ehemalige Mitglied des ZK und 1. Sekretär der SED-Bezirksparteileitung in Suhl, Albrecht, vor dem Berliner Landgericht als Zeuge auftrat. Ihm zufolge war es unter den sow­je­ti­schen Parteichefs Breshnew und Gorbatschow zu Anfragen an Erich Honecker gekommen, ob sich die Todesfälle an der Mauer vermeiden ließen.
Auch auf niedrigeren Ebenen sei darüber gesprochen worden. Die Antwort auf DDR-Seite sei jedesmal gewesen, daß das Grenzregime eine Angelegenheit der DDR sei, die Toten seien zu bedauern, aber nicht zu vermeiden. [1660]
Diese Aussage ist zwar Indiz dafür, daß auch die sowjetische Führung den durch den Einsatz der Schuß­waffe bedingten Ansehensverlust der „sozialistischen Sache” registrierte, läßt aber keine grund­sätz­li­chen Schlußfolgerungen über die Verantwortlichkeit für die Form der Grenzsicherung zu.
Die politische und militärische Führung der DDR rechtfertigte den Einsatz der Schußwaffe offensiv und wies jegliche Kritik zurück. Man wußte aber um die verheerende Außenwirkung, die der Einsatz der Schußwaffe durch die Grenztruppenkräfte zur Verhinderung einer Flucht hatte. Aus diesem Grund wurde bei besonderen Anlässen der Einsatz der Schußwaffe zeitweilig ausgesetzt, und es gab in den 80er Jahren Pläne, durch eine technische Perfektionierung der Hinterlandsicherung und eine per­so­nel­le Verstärkung der Grenzsicherungskräfte, den Einsatz der Schußwaffe überflüssig zu machen, was sich allerdings als nicht realisierbar erwies.
Als im April 1989 der Einsatz der Schußwaffe erstmals langfristig ausgesetzt wurde, muß den Ver­ant­wort­li­chen klar gewesen sein, daß damit das Ende der bestehenden Form der Grenzsicherung eingeleitet war.

Fußnoten

[1656] So heißt in einer Analyse der Abteilung Pionierwesen vom 01.02.1972:
„Es muß von dem Grundsatz ausgegangen werden, daß eine Sperre nur dann voll wirksam sein kann, wenn sie mit Kräften und Feuer gesichert wird.” Aus: Teilbeitrag der Abteilung Pionierwesen vom 01.02.1972, WS-Nr. G/079556 (BArch-MZAP, GT 1906, Bl. 43).

[1657] Dietmar Jochum: Die Beweisaufnahme im Politbüro-Prozeß (I), (hrsg. von K. Tzschach Presse­agentur Berlin (TP) und H.-E. Plöger), Berlin o.J. [1996], S. 299. Bahr, der von 1969 bis 1974 Staats­sek­re­tär und Bundesminister für besondere Aufgaben im Bundeskanzleramt war, hatte Anfang Juli 1973 vor Funktionären der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG) eine vertrauliche Stellungnahme ab­ge­ge­ben, in der er die Forderung nach Abschaffung des Schießbefehls als „unseriös” bezeichnet hatte. Niemand könne erwarten, daß die DDR auf diese als Abschreckung gedachte Maßnahme verzichten werde. „Wenn der Schießbefehl abgeschafft und das im ‚Neuen Deutschland‘ veröffentlicht wird, dann kaufen sich die Leute drüben am nächsten Morgen alle Leitern”, hatte Bahr nach einer Meldung des Axel-Springer-Dienstes (ASD) ausgeführt.
(„Bericht über Bahr-Äußerung zum Schießbefehl erregt Aufsehen”, Die Welt, Hamburg vom 11.07.1973)

[1658] Egon Bahr: Zu meiner Zeit, München 1998, S. 449.
Valentin Falin war unter anderem von 1971 bis 1978 sowjetischer Botschafter in Bonn und ab Oktober 1988 Leiter der Internationalen Abteilung beim ZK der KPdSU.

[1660] Urteil des Landgerichts Berlin in der Strafsache gegen Keßler, Streletz und Albrecht - Az. (527) 2 Js 26/90 (10/92) - vom 16.03.1993, Bl. 159. Nach Wenzel: Kriegsbereit [...], S. 190.

Berliner Mauer 1961 - 1989

Galerie: Fotos der Gt.-DDR

XXXX

Sektorengrenze im Bereich Heide­kamp­graben, Treptow.

3333

Lichtsperre - Sektorengrenze im Be­reich Heide­kamp­graben, Treptow.

4444

Übergang Sonnenallee, Treptow.

55555

Übergang Sonnenallee

6666

Übergang Sonnenallee

77777

Übergang Sonnenallee

8888

Übergang Sonnenalle
Fotos der Grenztruppen der DDR, Aufnahmedatum: 1988, Fundstelle: www.Berliner-Mauer.de.


Zitat

„Das von mir ver­ur­sach­te be­son­dere Vor­komm­nis ist mir für meine wei­tere Tä­tig­keit ei­ne ernst­haf­te Lehre und wird sich in kei­nem Fal­le wie­der­ho­len. Ich habe ein­ge­hend da­rüber nach­ge­dacht und ver­ur­tei­le mei­ne Hand­lungs­wei­se. Ich wer­de in der kom­men­den Zeit durch ei­ne vor­bild­liche Dienst­durch­führ­ung und Führ­ungs­tätig­keit un­ter Be­weis stel­len, das ich die rich­ti­gen Schluss­fol­ge­rung­en ge­zo­gen habe.”

Mauer-Mar­ke­ting, Bd. 1, Seite 628.